Wenn die Arbeitstätigkeit zur dauerhaften Belastung wird: Burnout-Syndrom & Boreout-Syndrom

Die Arbeitstätigkeit nimmt oft nicht nur zeitlich einen großen Raum in unserem Leben ein, sie strukturiert den Tag und ist nicht selten sinngebend. Daher sollte eine Grundzufriedenheit im Beruf keine Nebensache sein, erlebte Sinnhaftigkeit und die gegebene Möglichkeit zur Bewältigung aller beruflichen Aufgaben stellen dafür einige wichtige Bedingungen dar. Denn nur wenn man im Beruf nicht dauerhaft mit anhaltenden und kraftraubenden Hindernissen konfrontiert wird, bleibt ausreichend Energie und Lebensfreude für andere Lebensbereiche erhalten. Treten jedoch am Arbeitsplatz anhaltende Belastungen oder negative Stressoren auf, die das Individuum aus eigener Kraft nicht bewältigen kann, so kann die daraus entstehende Hilflosigkeit oder Erschöpfung schnell auf alle anderen Lebensbereiche übergreifen und die Lebensfreude dauerhaft beeinträchtigen. Nachfolgend möchte ich daher kurz auf zwei Beschwerdebilder eingehen, die sich in der Symptomatik sehr ähnlich, jedoch auf unterschiedliche Ausgangsbedingungen in Zusammenhang mit der Arbeitstätigkeit zurückzuführen sind – das Burnout-Syndrom und das Boreout-Syndrom.

Das Burnout-Syndrom – Zuviel negativer Stress am Arbeitsplatz

Das Burnout-Syndrom (Burnout – engl. ausgebrannt) beschreibt die gesundheitlichen Folgen einer anhaltenden beruflichen Überbelastung beziehungsweise einer dauerhaft frustrierenden Arbeitssituation. Betroffene berichten als Folge beruflicher Schwierigkeiten zunächst über eine hohe innere Grundanspannung, vermehrte gedankliche Beschäftigung mit der Arbeit bei gleichzeitigem Rückgang an eigenen Interessen, Hobbys oder privater und familiärer Aktivitäten, zunehmende körperliche und geistige Erschöpfung, körperliche Stresssymptome, insbesondere Ein- und Durchschlafprobleme. Im weiteren Verlauf können sich weitere Symptome wie emotionale Erschöpfung, Persönlichkeitsveränderungen, Gleichgültigkeit bezüglich der Arbeitsleistung bzw. -tätigkeit oder eine zunehmende Abneigung gegenüber der Arbeitstätigkeit selbst und allen damit in Zusammenhang stehenden Merkmalen (z.B. Kollegen, Kunden, Klienten oder Aufgaben) bis hin zum totalen Überdruss einstellen.

Die Auslöser der Symptomatik liegen nicht selten in einer erlebten langanhaltenden beruflichen Überbelastung, begünstigt beispielsweise durch chronische Überarbeitung oder hohe Arbeitsauslastung, Überstunden oder Notwendigkeit zur Heimarbeit, ständigem Termindruck oder einem hohen Maß an Fremdbestimmung oder Frustrationen (z.B. durch berufliche Misserfolge, Schikanen und Mobbing, eingeschränkte Ressourcen), so dass die Arbeitstätigkeit zunehmend mehr Raum im Leben des Individuums einzunehmen droht und andere Lebensbereiche dadurch verdrängt werden.Treten diese Belastung vor allem schleichend beziehungsweise über einen längeren Zeitraum auf, so werden diese durch Betroffene oft zunächst nicht bewusst wahrgenommen und sie versuchen, den alltäglichen Schwierigkeiten beispielsweise durch vermehrte Leistungsbereitschaft und Engagement entgegenzutreten. Berufliche und private Anforderungen nehmen über die Lebensspanne hinweg kontinuierlich zu, unsere Kräfte und unsere Belastbarkeit sind jedoch begrenzt und können nicht nach Belieben angepasst werden.

So steigt beim Erleben der Arbeitstätigkeit als  dauerhafte Belastung zwangsläufig auch das Risiko einer Überforderung, da Betroffene dadurch gezwungen, die eigenen Leistungsgrenzen dauerhaft zu übertreten. Als Folge treten erste körperliche und psychische Überlastungsanzeichen ein, beispielsweise erhöhte Grundanspannung oder Ein- und Durchschlafprobleme. Ein dauerhaft erhöhtes Niveau an Stresshormonen (z.B. Cortisol) im Körper hält den Körper zunächst „gefühlt“ leistungsfähig und aktiv, bis dieser durch vermehrte Ausschüttung von beruhigenden Neurotransmittern (z.B. γ-Aminobuttersäure, abgekürzt GABA) dieser andauernden Aktivierung gegenzusteuern versucht und so einen paradoxen Mischzustand aus innerer Unruhe und Nervosität sowie Erschöpfung und Kraftlosigkeit hervorruft.

Da dieser Prozess nicht unmittelbar einsetzt, wird Betroffenen der Schweregrad der eigenen Beeinträchtigung selbst oft nicht sofort, sondern erst nach einigen Monaten bewusst, da sich schwerwiegendere psychische oder körperliche Symptome erst nach und nach einstellen, so dass diese nicht immer gleich in Verbindung mit den Auslösern gebracht werden können. Aufgrund finanzieller Abhängigkeiten, unsicheren Beschäftigungsperspektiven bei Arbeitsplatzwechsel, zunehmendes Arbeitsalter oder die Überzeugung, „nicht aufgeben und die Kollegen nicht im Stich lassen zu wollen oder es durchzustehen“ sehen sich Betroffene als Folge oft gezwungen, weiter in den belastenden Arbeitssituationen zu verharren, bis sie „ausbrennen“ – es nicht mehr weitergeht. So wird die Entstehung psychischer Folgeerkrankungen oder sogar eine dauerhafte Arbeitsbeeinträchtigung bis hin zur Arbeitsunfähigkeit begünstigt.

Das Boreout-Syndrom – Inhaltslosigkeit und Unterforderung

Während beim Burnout-Syndrom die berufliche Überforderung oder belastende Arbeitsbedingungen als Auslöser im Vordergrund stehen, steht beim Boreout-Syndrom (bore – engl. (sich) langweilen) die erlebte berufliche Unterforderung im Mittelpunkt. Betroffene haben den Eindruck, von den Anforderungen ihrer Arbeitstätigkeit nicht oder nicht mehr ausgefüllt oder ausreichend gefordert zu werden, so dass sie große Teile ihrer erlebten Möglichkeiten nicht oder nur unzureichend nutzen können. Dem liegt in den Personen selbst oft ein hoher Leistungsanspruch der betroffenen Person zugrunde, geprägt unter anderem auch durch Leistungsstreben und Effizienzanspruch der Gesellschaft. Zudem ist die Selbstverwirklichung dem Menschen ein Grundbedürfnis, welches er oft auch im beruflichen Kontext zu verwirklichen sucht.

Haben Betroffene jedoch nicht oder nur selten die Möglichkeit, eine sinnhafte Leistung zu erbringen, empfinden sie sich in ihrem Beruf unterfordert oder gar gelangweilt, fehlt ihnen ein langfristiges Ziel oder eine Perspektive, dann kann der berufliche Alltag durch den Eindruck, dauerhaft unter den eigenen Erwartungen bzw. Möglichkeiten zu bleiben aufgrund eines ständigen quälenden Soll/Ist-Vergleichs zur täglichen Frustration werden.

Neben solchen intrapsychischen Faktoren stellen vor allem Veränderungen der Arbeit selbst (z.B. Automatisierung, Spezialisierung, einseitige Arbeitsaufgaben) sowie besondere Unternehmensstrukturen (z.B. geringe Partizipationsmöglichkeit, keine Anreize) Auslöser auf Arbeitgeberseite dar, in denen Kernkompetenzen der Arbeitnehmer möglicherweise nicht mehr ausreichend gefordert werden. So haben Betroffene oft den Eindruck, das berufliche Leben ziehe an ihnen vorbei, gleichzeitig hindern finanzielle Verpflichtungen, eine unsichere berufliche Perspektive auf dem Arbeitsmarkt oder die jahrelange Gewöhnung an die belastenden Arbeitsumstände Betroffene daran, ihre berufliche Situation aktiv zu verändern. Betroffene fügen sich so letztlich oft in ihre Situation, verlieren ihr Selbstvertrauen und das Auftreten psychischer Folgebeschwerden und Symptome ähnlich dem Burnout-Syndrom wird durch eine zunehmende Anspannung, dauerhafte Unzufriedenheit und Hilflosigkeit begünstigt.

Gesundheitliche und psychische Folgen

Obwohl die Ausgangsbedingungen sehr unterschiedlich sind, treten beim Burnout- und Boreout-Syndrom letztlich sehr ähnliche Symptome und Beschwerden auf. Zudem münden beide Syndrome letztlich nicht selten in einer anhaltenden depressiven Symptomatik. Als Folge der anhaltenden hohen Grundanspannung Betroffener können jedoch auch psychosomatische Beschwerden wie erhöhte Infektionsanfälligkeit, Magenbeschwerden, Kopfschmerzen, Tinnitus und Schwindelgefühle oder Angsterkrankungen wie beispielsweise die Panikstörung auftreten. In meiner psychotherapeutischen Praxis behandle ich bereits seit einigen Jahren Patienten mit berufsbedingten psychischen Erkrankungen wie beispielsweise dem Burnout- oder dem Boreout-Syndrom. Denn beide Syndrome können auch als sehr deutliche Hinweise verstanden werden, die Umstände der eigenen Arbeitstätigkeit sowie die eigenen Einstellungen und Werte kritisch zu hinterfragen und nachfolgend anhaltende Veränderungen einzuleiten, um die Zufriedenheit und Sinnhaftigkeit der beruflichen Tätigkeit – und als Folge auch die Lebensfreude – wiederherzustellen und dauerhaft zu erhalten.

Weiterführende Informationen:
Selbstfürsorge: Zufriedenheit im Beruf und Privatleben dauerhaft erhalten